Podcast LOOC
Im Gespräch mit Designer Jörg Bernauer (JB, rechts) und Leo Kiefer (LK, links) aus der Entwicklung erfahren wir, welche Entwicklungsstadien ein neuer Drehstuhl durchläuft und welche Hürden das Team von Klöber überwinden musste, bevor LOOC die Marktreife erlangte.
Das Interview zum Lesen
Klöber stellt dieses Jahr eine Neuheit vor. Ein Drehstuhl namens LOOC. Ein Stuhl mit einem richtigen Namen. Warum?
JB: Wir geben jedem Stuhl einen Namen.
Die Antwort gefällt mir. Es ist ja so, dass der Name den Drehstuhl irgendwie menschlich macht. Welche drei Charaktereigenschaften würdest du LOOC zuschreiben?
JB: Der Name LOOC klingt natürlich in diesem Fall sehr viel menschlicher, als wir das sonst gewohnt sind. Ich persönlich finde den Namen LOOC cool. Ich würde ihn als souverän, ehrlich und bequem charakterisieren.
Es gibt bereits tausende Drehstühle. Was hat dich beim Design von LOOC angetrieben? Vielleicht der Wunsch, etwas ganz anders zu machen?
JB: Grundsätzlich gehe ich nicht so vor, dass ich mir überlege, etwas ganz anders zu machen. Sondern ich stelle mir eher die Frage, wo der Stuhl am Ende steht und wie er genutzt wird. Dabei gehe ich nicht unbedingt immer nur von einem Drehstuhl aus, sondern einfach von dem Gefühl, wie ich beispielsweise an meinem Lieblingsort mit meinem Lieblingsmöbel sitze. In einem zweiten Schritt stelle ich mir die passendende Form oder auch das beste Material für das Möbelstück vor. Am Ende des Gedankenexperiments entsteht ein Produkt, dass in der Regel nicht so aussieht, wie andere. Es bekommt automatisch einen eigenen Look.
Und würdest du sagen, dass sich das Gefühl oder diese Gedanken auch auf die Menschen übertragen, die den Stuhl zum ersten Mal sehen?
JB: Ja, das hoffe ich. Ich habe ein Bild vor Augen und ich wünsche mir, dass andere das auch sehen.
Welches Bild hattest du im Kopf, als du an LOOC gedacht hast?
JB: Ich habe an ein einladendes, wohnliches Büro gedacht. Vielleicht zuhause oder in einer Agentur. Ich habe mir einen Ort vorgestellt, an dem ein gemütlicher Arbeitssessel stehen könnte.
Wenn man einen Drehstuhl ansieht, schaut man in der Regel zuerst auf die Rückseite. Was macht die Rückenansicht bei LOOC besonders?
JB: Die Rückenansicht greift die Geschichte von Klöber auf. LOOC hat einen klassischen Rückenlehnbügel, wie es ursprünglich unser erstes Modell, der Polstergleich hatte. Dieses Designelement hatte beispielsweise auch der Stuhl Dactylo und weitere Modelle aus der Zeit von 1935 bis in die sechziger Jahre hinein. Und dadurch bekommt LOOC diesen gewissen Charme des alten Bekannten.
Dieses an sich so unscheinbare Detail ist bei LOOC seine ganz persönliche Handschrift, oder?
JB: Nicht allein. Das urtypische Bild in Verbindung mit dem Rückenbügel wird normalerweise geprägt durch eine klassische Schalenkonstruktion. Die Schalenform wird hier aber ausgespart, bleibt jedoch als visuelles Echo und gestalterische Assoziation. Das charakteristische Formelement – die geschlossene Schale – fehlt bei LOOC bewusst. Die Form des Drehstuhls wird geprägt durch die Kontur und die frei gespannte Fläche innerhalb der Aussparung. Solche Freispannungen sind perfekte Formen, die natürlicherweise aufgrund ihrer Materialieneigenschaften entstehen. Diesen Struktureffekt wenden wir auch bei unserem Drehstuhl Connex an: Es erzeugt sehr spannende optische Perspektiven. Die Linienführung setzt sich zudem fort, in dem die Armlehne von der Form des Rückens abgeleitet ist, was das Erscheinungsbild sehr harmonisch und ausgewogen erscheinen lässt.
Woher kommt Deine Faszination für Freispannung, wie kommt es dazu?
Ich interessiere mich sehr für Bionik und Architektur. Diese Konstruktionsart mit den dadurch entstehenden Flächen entstand durch Beobachtung der Natur und wurde schon oft bei weiten Flächentragwerken angewendet. Hier haben schon viele Architekten und Baumeister experimentiert, das interessiert mich sehr.
Und wie fördert LOOC das aktive Sitzen?
JB: Der Sitz ist zentral beweglich und dreidimensional gelenkig. Der Rücken ebenfalls. Er wird mittig am Rückenbügel angebracht und ist durch seine Elastizität in alle Richtungen beweglich.
Also wird durch die elastische Rahmenstruktur aktives Sitzen möglich?
JB: Ja, das kann man so sagen.
Als Designer – verkleidest du lieber die tragenden Strukturen eines Stuhls oder ist dir die nackte Konstruktion als Designelement lieber?
JB: Wenn es möglich ist, verkleide ich gerne bestimmte Elemente des Stuhls, da ich durch unterschiedliche Materialität Variationen erzeugen kann. Textil oder Leder fühlt sich sehr angenehm an und man kann durch verschiedene Farben und Texturen unterschiedliche Anmutungen erreichen.
Was denkt ihr: Hat LOOC einen USP? Im Design? Bei der Konstruktion?
JB: Wir denken bei der Entwicklung eines Stuhles immer ganzheitlich. Das heißt, es gibt für mich keine Abgrenzung: Man definiert keine Alleinstellungsmerkmale seitens des Designs und seitens der Technik, sondern man überlegt, wie können wir Bedürfnisse im Markt decken und in Kombination mit dem entstehenden Design was Neues schaffen? Wir arbeiten eng zusammen und haben die Möglichkeit, uns jeden Tag auszutauschen. Dadurch entsteht eine Art Ping-Pong-Spiel beim Miteinander. Wir haben bei Klöber die Notwendigkeit, uns von der Masse abzuheben. Wir sind ein reiner Sitzmöbelhersteller – wir kommen in Projektgeschäfte nur über das Thema Sitzen rein. Deshalb ist unser Anspruch hier sehr hoch.
LK: Vielleicht noch einen Punkt: Wir haben uns von Anfang an das Ziel gesetzt, einen schaumfreien Drehstuhl zu entwickeln. Das war eine ziemliche Herausforderung – das hat Klöber bisher noch nie gemacht. Das war völliges Neuland für uns alle. Aber ich denke, dass es uns in Form eines Mesh-Box-Sitzes wirklich gut gelungen ist, auf den Schaum zu verzichten, aber hierbei nicht auf die Qualität. Wir haben es geschafft, unseren gewohnten Sitzkomfort beizubehalten.
Der Sitz von LOOC ist also frei von Schaum. Was macht denn den Mesh-Box-Sitz so besonders?
LK: Wir haben eine große Erfahrung mit der Entwicklung von Federkernsitzen. Wir haben schon mit dem Modell Duera einen Boxspringsitz im Sinne eines Federkerns entwickelt. Bei der Entwicklung haben wir festgestellt, dass dieses Prinzip einen großen Vorteil gegenüber PU-Schaum hat. Die Langlebigkeit des Sitzes ist höher. Wir sind bei der Entwicklung von LOOC allerdings noch einen Schritt weitergegangen: Wir haben überlegt, welche Materialien am langlebigsten sind. Und am Ende ist tatsächlich der Mesh-Box-Sitz entstanden – eine Kombination aus Federkern-3D-Gewebe mit einer tragenden Netzstruktur. Das Ensemble aus drei verschiedenen Materialien – Stricknetz, Zwischenlage, Boxspring – ergibt den Sitzkomfort. Ich denke, der Endnutzer wird gar nicht merken, dass er nicht auf PU-Schaum sitzt, weil er sich die Frage gar nicht stellen wird.
Jörg, drei Schritte vor, zwei zurück und andersrum. Gibt es da auch Abstriche im Design?
JB: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es eigentlich immer eine Verbesserung im Fortschritt der Entwicklung gibt. Vielleicht auch, weil wir so eng zusammenarbeiten und wir dann, wenn irgendwas nicht sofort funktioniert, auch sehr gut erörtern können, warum. So entstehen Diskussionen und dadurch gibt es eigentlich immer Verbesserungen. Natürlich gibt es manchmal eine Situation, wo man einen Kompromiss finden muss. Aber ein Kompromiss muss nicht ein Rückschritt sein.
LK: Diskussionen gibt es tagtäglich. Sie gehören dazu. Konstruktive Kritik ist nie persönlich. Sie dient immer der Sache. Wir verfolgen am Ende des Tages alle dieselben Ziele. Wir wollen die besten Stühle bauen. Ich stimme Jörg zu: Diskussionen bringen einen persönlich weiter. Genau in diesen Momenten entstehen oft zündende Ideen, weil man alles unter einen Hut bekommen muss. Qualität, Design, Herstellungskosten – das sind wichtige Themen. Genau wie die Timeline. Wie heißt es immer so schön: Innovation entsteht nur, wenn man bereit ist, Gewohntes zu hinterfragen.
JB: Es braucht Durchhaltevermögen oder Leidensfähigkeit. Aber wir reden ja gerne stattdessen von Leidenschaft. (Jörg lacht.)
Was waren denn die größten Herausforderungen bei LOOC?
JB: Ich glaube, die Neuheit, auf PU-Schaum zu verzichten. Aber gleichzeitig nicht den Komfort hintenanzustellen. Das war herausfordernd. Und natürlich auch die Konstruktion an sich: Wir haben bei LOOC eine Konstruktion für alles.
Was würdet ihr schätzen: Wie viele Mustermodelle wurden für LOOC gebaut?
JB: Wir haben bestimmt 30-40 Bauteile immer wieder neu gedruckt, gepolstert oder gefräst. Und wir haben bei etwa 8-10 Musterstühlen immer wieder diese Neuerungen ausprobiert und ausgetauscht. Oftmals waren es nur einzelne Bauteile, aber diese führten nicht selten dazu, dass zwei, drei technische Schritte überdachte und neue Anbindungen entwickelt werden mussten.
Und wie lange hat es gedauert – von der ersten Skizze bis zum Prototyp? Geht das innerhalb von drei Monaten? Sind das zwei Jahre?
LK: Pauschal kann man das nie sagen. Es ist natürlich ein wesentlicher Unterschied, ob man einen Beichtstuhl, einfachen Stuhl oder einen Drehstuhl baut. (Leo grinst.) Die Komplexität ist bei einem Drehstuhl deutlich höher. Es können bei einem Drehstuhl Monate vergehen, bis ein Prototyp steht.
Jetzt noch eine persönliche Frage an dich, Leo. Du bist seit 29 Jahren bei Klöber. Was fasziniert dich am meisten an deinem Beruf?
LK: Was gibt es Schöneres als vom ersten Entwurf bis zum fertigen Produkt alle Entstehungsstadien zu begleiten? Für mich ist es jedes Mal etwas Neues. Klar, es ist immer ein Stuhl, aber jeder Stuhl ist anders. Es ist jedes Mal eine neue Story. Wir versuchen immer das bestmögliche Ergebnis und den besten Stand der Technik in der Entwicklungszeit abzurufen und die Akzente so setzen, dass wir uns von Mitbewerbern unterscheiden. Danach streben wir. Vielleicht haben wir das in unserer über 90-jährigen Geschichte nicht immer geschafft. Aber ich glaube, wenn man auf die Geschichte zurückblickt, waren wir nie irgendeiner von vielen.